Zeitungsartikel Oberwiggertaler vom 02. November 2017

Vom feinen Stoff bis zum Manschettenknopf

Von Genf bis Romanshorn, von St. Moritz bis Basel staffiert sie die Musikanten aus. Rund 400 Musikvereine aus der ganzen Schweiz gehören zum Kundenstamm der Atelier Büttiker AG, jährlich bestellen zwischen zehn und fünfzehn Musikkorps hier ihre neue Uniformen. Sie bilden heute das wichtigste Standbein der Pfaffnauer Firma. Das war nicht immer so: Noch vor 20 Jahren war die Schweizer Armee Hauptauftraggeber des Unternehmens, das bis Anfang der Neunzigerjahre noch Büttiker Uniformen hiess. Doch dann gingen die Aufträge fürs Militär drastisch zurück, ab 2000 fielen sie gänzlich weg. Seither werden Schweizer Armeeangehörige mit im Ausland hergestellten Uniformen ausgerüstet. „Das war ein tiefer Einschnitt“, sagt Rita Büttiker, „die Aufträge für die Armee machten gegen fünfzig Prozent unseres Umsatzes aus.“ Ihr Mann Markus führt seit bald 30 Jahren das Unternehmen in zweiter Generation und die dritte Generation ist mit Sohn Daniel seit letztem Herbst ebenfalls in der Geschäftsleitung vertreten.

Damals, um die Jahrtausendwende, gab es eine regelrechte Flurbereinigung; auch Post-, Polizei- und Zollaufträge fielen weg, viele grössere Textilunternehmen, die vom Bund abhängig gewesen waren, mussten in der Folge schliessen. Heute existieren gemäss Rita Büttiker noch zwei, drei Bekleidungsfimren mit Produktionsstandort Schweiz.

Als KMU hatte das Atelier Büttiker damals den Vorteil, rasch auf die veränderten Bedingungen reagieren zu können: Man konzentrierte sich von nun an auf Musikkorps. „Das hiess und heisst vor allem heute, sehr flexibel zu sein, vor allem in Bezug auf die Arbeitszeiten“, sagt Rita Büttiker, „denn die Vereine haben abends oder am Wochenende Zeit, sicher aber nicht während des Tages.“ Markus Büttiker, Geschäftsführer und zuständig für den Verkauf und Aussendienst, ist deshalb an rund 200 Abenden im Jahr unterwegs.

Klopft eine Musikgesellschaft beim Atelier Büttiker an, weil eine Neuuniformierung ansteht, sind im voraus schon zwei Dinge klar: Erstens wird hier Qualitätsarbeit auf höchstem Niveau mit einem perfekten Kundenservice geboten. Zweitens ist so etwas nicht gratis zu haben. “ Je nach Ausstaffierung, Ansprüchen und Umfang kostet eine Uniform zwischen tausend und zweieinhalbtausend Franken“, sagt Markus Büttiker. Grundlage für eine Uniform, die im Schnitt 15 bis 25 Jahre getragen wird, ist der Stoff. Und der wird in verschiedenen Webarten und Farbnuancen bei einer Partnerfirma extra für jede Musikgesellschaft hergestellt, erst als Muster, schliesslich, nach der Entscheidungsfindung, in der benötigten Menge. Dann werden etwa fünf Favoritenmodelle nach den Wünschen und Vorstellungen der Kunden hergestellt, mit Veston, Hose, Hemd, Gilet, Mütze, sämtliche Accessoires – einfach allem, was dazugehört. Was einfach klingt, ist ein aufwendiger Prozess: Allein für einen Veston sind bis zu 80 Einzelteile nötig, die exakt verarbeitet sein wollen.

Hat sich ein Musikkorps entschieden, folgt das Ausmessen und die Verarbeitung der Daten, die Schnittmustererstellung per CAD für jedes einzelne Mitglied und die eigentliche Herstellung der Kleider – zuschneiden, nähen, bügeln. Und wieder anprobieren, anpassen, den letzten Schliff verpassen. Selbst an der Einweihung ist Markus Büttiker vor Ort, berät und unterstützt im Hintergrund. Und das ist noch nicht alles: “ Wir haben ein grosses Kundenstofflager mit einem Warenwert im sechsstelligen Bereich“, sagt Rita Büttiker; so können die Kunden problemlos auch nach zehn oder zwanzig Jahren Ersatz- oder Einzelstücke nachbestellen.

Trachten und Folklore sind wieder im Kommen. Von diesem Trend profitiert man auch in Pfaffnau. Weniger erfreulich sind andere Entwicklungen, zum Beispiel die, dass sich in jüngster Vergangenheit vermehrt potenzielle Kunden beraten und ein Mustermodell erstellen liessen, um es anschliessend bei einem günstigeren Hersteller produzieren zu lassen. Hier hat die Firma einen Riegel geschoben: „Früher war dieser Service gratis beziehungsweise im darauf folgenden Liefervertrag inbegriffen. Heute verrechnen wir das bei einer anderweitigen Vergabe separat.“ Die Fairness in Geschäftsbeziehungen, sagt Markus Büttiker, habe in den letzten Jahren an Stellenwert verloren. Schwierig sei es manchmal auch, wenn Kunden bei einem Kleidungsstück nach mehreren Jahren Qualitätsmängel geltend machten, obwohl offensichtlich die falsche Pflege oder fehlende Sorgfalt, Grund für den Schaden sei. „Viele Leute wissen nicht mehr, wie man richtig Kleider pflegt, ihnen fehlt das Knowhow“, sagt Rita Büttiker dazu.

Und worauf legen die Inhaber eines gehobenen Bekleidungsgeschäftes bei ihrer eigenen Garderobe Wert? Ist alles massgeschneidert aus dem eigenen Haus? Rita Büttiker lacht: „Nein, das nicht. Aber ich achte auf gute Qualität, und ab und zu lasse ich mir schon eine Hose oder ein Jackett machen, oder ich diene als Modell für unser Vorführstücke im Laden“, sagt sie, die fürs Kaufmännische in der Firma zuständig ist. Ihr Mann, gelernter Massschneider, mache sich seine Hemden, Hosen und Vestons häufig gleich selber. Und nach kurzem Nachdenken fügt sie an: „Was mir sicher nie einfallen würde, wäre, zerrissene Jeans anzuziehen – Modetrend hin oder her.“

 

Rosmarie Brunner (Oberwiggertaler 02.11.2017)

2018-05-19T10:30:58+00:00
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